Prestigeluxra Kontakt
Womit wir an der Stimme arbeiten: Atem, Pausen und Aufnahme
Journal Stimme

Womit wir an der Stimme arbeiten: Atem, Pausen und Aufnahme

Ein Blick auf die Übungen und Hilfsmittel, mit denen wir Atmung, Tonlage und Sprechrhythmus trainieren, und warum eine schlichte Aufnahme oft mehr zeigt als jede Erklärung.

Dr. Katharina Lindemann 5 Minuten Lesezeit

Warum wir mit dem Atem beginnen

Wer unter Spannung spricht, atmet flacher, schneller und höher. Die Stimme folgt dem Atem, nicht umgekehrt. Deshalb beginnt jede Einheit zu Stimme und Sprechtempo bei uns nicht mit Sprechen, sondern mit einer kurzen Wahrnehmungsübung im Stehen: Füße fest, Schultern locker, die Hände leicht auf den unteren Rippen.

Die Teilnehmenden spüren, wie sich der Brustkorb seitlich weitet, wenn die Luft tief einströmt. Das klingt unspektakulär, ist aber die Grundlage für alles Weitere. Ein ruhiger, tiefer Atemzug vor dem ersten Satz gibt Ihnen einen Moment Ordnung, bevor Sie überhaupt zu reden anfangen.

In meinen Gruppen erlebe ich immer wieder, dass diese erste Viertelstunde skeptisch beäugt wird. Nach zwei, drei Wiederholungen merken die meisten, dass ihre Sätze länger tragen und das Ende eines Gedankens nicht mehr verhaucht. Das Werkzeug ist dabei einfach: der eigene Körper, ein Stuhl, ein wenig Geduld.

  • Stand: Füße hüftbreit, Knie nicht durchgedrückt
  • Einatmen durch die Nase, Ausatmen auf einem leisen Zischlaut
  • Hände an den unteren Rippen, um die Weitung zu spüren

Die Pause als Gestaltungsmittel

Die meisten Menschen fürchten die Stille im Gespräch und füllen sie mit Füllwörtern. Wir üben das Gegenteil: Pausen bewusst zu setzen und auszuhalten. Dazu arbeiten wir mit Texten, in die wir Pausenzeichen eintragen, kurze Striche für einen Atemzug, lange für einen Gedanken, der nachklingen soll.

Eine gut gesetzte Pause hat mehrere Aufgaben. Sie gliedert das Gesagte, gibt dem Publikum Zeit zum Verstehen und Ihnen selbst Zeit zum Denken. Wer vor einer wichtigen Aussage kurz innehält, lenkt die Aufmerksamkeit genau dorthin, ohne lauter zu werden.

Anfangs fühlt sich eine Pause von zwei Sekunden endlos an. Wir zählen sie deshalb gemeinsam, zunächst laut, dann stumm. Fast immer stellt sich heraus, dass das Gegenüber die Pause als Souveränität liest und nicht als Unsicherheit. Dieses Urteil von außen ist für viele die überzeugendste Erfahrung des ganzen Trainings.

Tonlage und Sprechrhythmus hörbar machen

Die eigene Stimme klingt im Kopf anders als im Raum. Deshalb arbeiten wir mit Aufnahmen, einfach und ohne Aufwand: ein Aufnahmegerät auf dem Tisch, ein Absatz Text, zweimal gelesen. Beim Abhören fallen fast immer dieselben Dinge auf: ein Tempo, das gegen Satzende anzieht, und eine Tonlage, die mit wachsender Anspannung nach oben wandert.

Wir markieren diese Stellen im Text und üben sie gezielt. Für die Tonlage hilft das Summen auf einem bequemen Ton, das langsam in die Sprechstimme übergeht. Für den Rhythmus nutzen wir Texte mit bewusst unterschiedlicher Satzlänge, die man nicht herunterlesen kann, ohne zu atmen.

Wichtig ist uns, dass niemand seine Stimme verstellen soll. Es geht darum, die natürliche Stimme tragfähig zu machen. Wenn eine Aufnahme nach dem Training ruhiger, etwas tiefer und deutlich klarer klingt, ist das der Beleg, den wir meinen, nicht ein Urteil der Dozentin.

  • Gleichen Text vor und nach der Übung aufnehmen
  • Auffällige Stellen im Manuskript farbig markieren
  • Nur eine Eigenschaft pro Durchgang verändern

Das Übungsmaterial und wie wir es einsetzen

Unser Material ist bewusst schlicht: kurze Prosatexte, Sachabsätze aus dem Berufsalltag, Zungenbrecher zum Aufwärmen und Sätze mit schwierigen Konsonantenfolgen. Dazu kommen Karteikarten mit Alltagssituationen, in denen die Teilnehmenden ihr Tempo bewusst steuern sollen, etwa eine Begrüßung, eine Rückfrage, eine Absage.

Wir wählen Texte, die nicht eitel klingen. Wer einen nüchternen Fachtext ruhig und hörbar gliedert, lernt mehr über Stimmführung als mit einem pathetischen Gedicht. Später wechseln wir zu den eigenen Texten der Teilnehmenden, also zu Präsentationen, Ansprachen und Gesprächsbeiträgen aus deren Arbeit.

Im Einzelcoaching ergänzt Elena Brandt diese Übungen um eine Videoanalyse. So wird sichtbar, wie Haltung, Blick und Atem zusammenspielen. Das Bild liefert eine zweite Perspektive, die das Ohr allein nicht bietet, und macht Fortschritte nachvollziehbar, ohne dass jemand sie behaupten müsste.

Wie ein Übungsplan für zu Hause aussieht

Stimme verändert sich nicht in einer Sitzung, sondern durch kurze, regelmäßige Wiederholung. Wir geben deshalb einen Plan mit, der pro Tag etwa zehn Minuten beansprucht: drei Atemzüge vor dem Aufstehen, eine Minute Summen auf dem Weg zur Arbeit, ein Absatz laut gelesen am Abend.

Entscheidend ist, dass die Übung an eine bestehende Gewohnheit gekoppelt wird. Wer sie an den Kaffee oder den Heimweg bindet, vergisst sie seltener. Wir besprechen in der Gruppe, welcher Anker für wen passt, und passen den Plan nach zwei Wochen an.

Ein Wort zur Erwartung: Sie werden nach dieser Zeit nicht wie ein anderer Mensch sprechen. Realistisch ist, dass Sie Ihre Atmung früher bemerken, Pausen gelassener setzen und weniger oft in Eile geraten. Das ist wenig spektakulär und im Alltag trotzdem deutlich zu hören.

  • Zehn Minuten täglich genügen, wenn sie fest verankert sind
  • Eine Aufnahme pro Woche als Vergleich
  • Plan nach zwei Wochen gemeinsam überprüfen

Was Sie vorab mitbringen können

Für den Einstieg brauchen Sie nichts Besonderes. Hilfreich ist ein eigener Text von etwa einer Seite, der aus Ihrem Alltag stammt, zum Beispiel ein Absatz aus einem Bericht oder eine Gesprächsnotiz. Daran lässt sich genau erkennen, wo Ihre Stimme trägt und wo sie nachgibt.

Bequeme Kleidung, die den Brustkorb nicht einengt, und etwas Wasser reichen als Ausstattung. Alles Weitere stellen wir: Aufnahmegerät, Übungstexte, Platz zum Stehen. Wenn Sie Heiserkeit oder anhaltende Stimmprobleme kennen, sagen Sie es uns vorab, damit wir die Übungen entsprechend behutsam wählen.

Kommen Sie mit der Bereitschaft, sich selbst zuzuhören. Das ist unbequemer, als es klingt, aber es ist der kürzeste Weg zu einer Stimme, die Ihre Gedanken ruhig und deutlich trägt.

Die Arbeit an der Stimme braucht wenig Material und viel Aufmerksamkeit: einen ruhigen Atem, bewusst gesetzte Pausen, eine schlichte Aufnahme und einen kleinen Plan für jeden Tag. Aus diesen Mitteln entsteht eine Stimme, die nicht lauter, sondern tragfähiger wird. Wenn Sie das einmal bei sich selbst gehört haben, verändert sich die Art, wie Sie sprechen wollen.

Schreiben Sie uns

Schreiben Sie uns
[email protected]